Die Chronisten der Conquista - Spanische Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert

 

Dr. Josef Bordat hat uns vor kurzem wieder einen Artikel zugesandt, er  handelt diesmal von den Chronisten der Conquista. In dem Artikel werden die verschiedenen Historiker beschrieben, die für die spanische Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert bedeutend waren. Natürlich steht der Text wieder als pdf zur Verfügung.

 

1. Einführung

 

Geschichte wird geschrieben. Damit meint man, dass es Menschen gibt, die durch ihre politischen, militärischen, ökonomischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Ideen und Handlungen den Lauf der Welt verändern. Diese Geschichte wird, damit sie überhaupt Geschichte sein kann, aufgeschrieben, d. h. es braucht fernerhin Menschen, welche die Veränderungsprozesse für die Nachwelt festhalten. Das sind die Geschichtsschreiber im wörtlichen Sinne des Begriffs. Früher waren es die Chronisten und seit der Begründung der Geschichtswissenschaft sind es die Historiker, die diese Rolle übernehmen. Sie haben mit ihren Erzählungen, die immer auch Deutungen enthalten, großen Einfluss auf das Geschichtsbild kommender Generationen und damit eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Einige Größen der Menschheitsgeschichte haben diese denn auch vorsichtshalber selbst übernommen, damit der Nachwelt kein schiefes Bild der eigenen Gedanken und Taten vermittelt wird. Gaius Julius Caesar („Bellum Gallicum“) war sein eigener Chronist und Winston Churchill („The Second World War“) wollte sich nicht auf die Zunft der Historiker verlassen. Während der Conquista, der Eroberung Amerikas durch die Spanier in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, gab es drei wichtige Chronisten, die mit der Darstellung des spanischen Vorgehens in den Kolonien beauftragt worden waren. Als Vertraute des Hofes und seiner Conquistadoren berichteten sie aus dem „Vizekönigreich“.

 

Heute wissen wir, dass vieles von dem, was sie berichteten, nicht so ganz stimmt. Das ist ein Ergebnis der vergleichenden Quellenforschung und des interdisziplinären Ansatzes, der medizin-, sozial-, geographie- und wirtschaftshistorische Daten neben die Schilderung politischer Entwicklungen und militärischer Ereignisse stellt und diese von daher neu interpretiert. Für die Zeitgenossen waren die Chronisten jedoch die wichtigste (und häufig die einzige) Quelle. Ihre Bedeutung ergibt sich insbesondere aus ihrem Einfluss auf den theologisch, philosophisch und juristisch geführten Legitimationsdisput, der immer wieder auf die Angaben der Chronisten als Belege für die Richtigkeit der eigenen Thesen zurückgriff. Die „Objektivität“ empirischer Befunde hat bis heute nichts an Überzeugungskraft eingebüßt. Heute sind es Fernsehbilder und Videos im Internet, die unsere Meinung prägen, weil sie „authentisch“ sind, häufig aber nicht minder tendenziös zusammengestellt werden als die Reportagen der Hofhistoriographen. Umso wichtiger, sich immer wieder die Theoriebeladenheit untersuchter und präsentierter Fakten, die subjektive Bedingtheit von Schilderungen des Realen und damit die von einem unvermeidbar perspektivistischen Zugang zur Welt geprägte Genese historischer Narrative bewusst zu machen. Eine kritische Geschichtswissenschaft leistet das heute, doch damals war man noch nicht so weit – damals, als Pedro Cieza de León, Francisco López de Gómara und Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdés ihren Landsleuten die Conquista erklärten.

 

2. Pedro Cieza de León

 

Pedro Cieza de León wurde um 1520 in Llerena (Estremadura) geboren. Als junger Mann nahm er an der spanischen Eroberung des Inkareiches teil. Bei zahlreichen Expeditionen (etwa 1536/1537 nach San Sebastián de Buenavista und Urute) und Städtegründungen (1539: San Ana de los Caballeros; 1540: Cartago; 1541: Antioquia [alle in Kolumbien]) spielte er eine entscheidende Rolle und nahm führende Positionen in der Kolonialverwaltung ein. So unterstand Cieza de León eine Encomienda in Cartagena (Kolumbien), die er später Sebastián de Belalcázar überließ. In den Bürgerkriegen zwischen den spanischen Konquistadoren stand er auf der Seite von Pedro de La Gasca. Mit der Absicht, Gonzalo Pizarros Rebellion gegen die Krone zu beenden, bereist Cieza de León 1547 mit La Gasca das Vizekönigreich Peru und kommt 1548 in die Ciudad de los Reyes (heute: Lima). Dort arbeitet er fortan intensiv an seiner dreiteiligen „Crónica de Perú“, ein bedeutendes Werk über das präkolumbianische Inkareich. 1551 kehrt er nach Spanien zurück, lässt sich in Sevilla nieder und heiratet Isabel López. 1553 veröffentlicht Cieza de León den ersten Teil seiner Chronik; die weiteren werden erst im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlicht. Pedro Cieza de León starb um 1560 in Sevilla.

 

Die „Crónica de Perú“ zeichnet sich nicht nur durch eine umfassende Darstellung der Eroberung sowie des Bürgerkriegs zwischen den spanischen Konquistadoren aus, sondern insbesondere durch die ausführlichen und detaillierten Beschreibungen der ethnischen Gruppen innerhalb der autochthonen Bevölkerung des Inkareiches, dessen Geographie sowie der reichen Tier- und Pflanzenwelt.

 

3. Francisco López de Gómara

 

Francisco López de Gómara, 1511 in Gómara bei Soria geboren, studierte in Alcalá und wurde dort zum Priester geweiht. Nach einem Aufenthalt in Rom trat er 1540 als Sekretär und Hauskaplan in die Dienste des Conquistadors Hernán Cortés’, den López de Gómara auf dem erfolglosen Algerien-Feldzug begleitete. Nach dem Tode Cortés’ (1547) ist wenig über das Leben López de Gómaras bekannt, bis auf die Tatsache, dass er in Spanien blieb und Mitte der 1550er Jahre in Valladolid lebte. Wahrscheinlich starb er um 1566 in seiner Heimat Gómara; andere Quellen nennen Sevilla als letzten Aufenthaltsort.

 

Obwohl López de Gómara nie in Amerika war, machte er sich als Chronist der Eroberung der Neuen Welt einen Namen. In seiner zweiteiligen „Historia general de las Indias“ (1552) beschreibt López de Gómara die Eroberung der Antillen, des Inka- und Mayareiches, die Reise des Magellan und die Entdeckung der Molukken (erster Teil) sowie die Eroberung des Aztekenreichs durch Cortés (zweiter Teil). Wegen der historisch fehlerhaften Darstellung der Expeditionen in Mexiko, in denen er das Wirken seines Dienstherrn, der zugleich seine Hauptquelle war, einseitig schönte, wurde López de Gómaras Werk bereits 1553 vom Kronprinzen Philipp II. (ab 1556 König von Spanien) verboten und der Druck desselben unter Strafe gestellt; erst 1727 wurde der etwas überzogene Erlass aufgehoben und López de Gómaras durch die Aufnahme seiner Chronik in Andreas Gonzalez Martials’ „Coleccion de historiadores primitivos de las Indias Occidentales“ rehabilitiert. López de Gómara positive Darstellung der Taten Cortés’ veranlasste Bernal Díaz del Castillo, einen an der Eroberung Mexikos beteiligten Soldaten, eine eigene Schilderung der Ereignisse vorzunehmen, die 1632 unter dem Titel „Verdadera historia de la conquista de Nueva España“ veröffentlicht wurde.

 

4. Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdés

 

Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdés erblickte 1478 in Madrid das Licht der Welt. Als Spross einer wohlhabenden asturischen Familie verbrachte Oviedo y Valdés seine Kindheit am Hof der „Katholischen Könige“ Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien. 1491 wurde er Schildknappe des spanischen Thronfolgers Johann, Prinz von Asturien. In dieser privilegierten Stellung erlebte Oviedo y Valdés das für Spanien epochale Jahr 1492, die Rückeroberung der letzten maurischen Bastion Granada und die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, dessen Söhne ebenfalls in Diensten Johanns standen. Nach dem Tod Johanns (1497) verließ Oviedo y Valdés den Hof und ging nach Italien. 1498 war er in Mailand für kurze Zeit Diener Ludovico Sforzas, lernte Künstler wie Leonardo da Vinci und Andrea Mantegna kennen und begleitete Juan de Borgia auf zahlreichen Reisen durch verschiedene italienische Städte. 1500 lernte Oviedo y Valdés auf Sizilien Gonzalo Fernandez de Cordoba kennen, dessen Sekretär er 1512 werden sollte. Zuvor kehrte Oviedo y Valdés 1502 nach Spanien zurück, um nach dem Tod Isabellas (1504) wieder in die Dienste des Hofes einzutreten. 1506 heiratete er Margarita de Vergara, die jedoch kurz darauf verstarb. 1507 erfolgte seine Bestellung zum Notar, im gleichen Jahr wurde er Sekretär beim Rat der Heiligen Inquisition. 1508 heiratete Oviedo y Valdés erneut (Catalina Rivafecha) und arbeitete bis 1511 als Notar in Madrid.

 

1514 fährt Oviedo y Valdés erstmals nach Amerika. In Santo Domingo wird er zum Administrator der Goldschmelzen ernannt. Nach seiner Rückkehr (1523) übernimmt er das Amt des königlichen Berichterstatters für Westindien, ab 1532 als offizieller Historiograph des Hofes. Obwohl seine politische Karriere unterdessen noch zwei wichtige Höhepunkte erfahren sollte (1526 wird er Gouverneur von Antigua und 1535 Statthalter von Santo Domingo; ein Amt, das er zehn Jahre lang inne hatte), blieb er der Nachwelt vor allem durch seine historiographische Tätigkeit in Erinnerung. In den Jahren 1535 bis 1552 entstand sein 20bändiges Hauptwerk „La historia general y natural de las Indias, islas y tierra-firme del mar océano“, das seinen Ruhm als Chronist begründete.

 

1545 kehrte Oviedo y Valdés nach Spanien zurück, um in den letzten Lebensjahren auch belletristische Literatur zu verfassen, u. a. seinen zweiten Roman – bereits 1519 entstand der Ritterroman „Don Claribalte“ – mit dem Titel „Las Quinquagenas de la nobleza de España“ (1555), in dem in kuriosen und moralisierenden Anekdoten Gerüchte über berühmte Zeitgenossen Oviedo y Valdés’ verarbeitet sind. Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdés starb 1557 in Valladolid im Alter von 79 Jahren.

 

Das Besondere an der umfangreichen „Historia general“ ist der Umstand, dass Oviedo y Valdés in seinem Amt als Hofhistoriograph fünf längere Reisen in die Kolonien unternahm, um sich selbst ein genaues Bild von der dortigen Situation zu machen, eine wichtige Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der detaillierten Dokumentation. Historische Bedeutung erlangte Oviedo y Valdés’ „Historia general“ insbesondere als Referenz im Disput um die Legitimation der spanischen Herrschaftspraxis in den Kolonien, der zwischen Juan Ginés de Sepúlveda und Bartolomé de Las Casas im Rahmen der Junta de Valladolid (1550-1552) ausgetragen wurde. Während Sepúlveda seine kolonistische Position auf Oviedo y Valdés’ Darstellung stützt, wirft Las Casas Oviedo y Valdés vor, sein Werk enthalte „ebenso viele Lügen wie Seiten“, was jenen zu einer eigenen, gleichwohl ebenso parteiischen Darstellung motivierte, der „Brevísima relación de la destrucción de las Indias occidentales“ (1552).

 

Trotz der mangelnden Neutralität eines Hofhistoriographen gilt die „Historia general“ nach wie vor als wichtige, da einzige vollständige Quelle für die Zeit der Eroberung Amerikas und die Konsolidierungsphase der spanischen Kolonialherrschaft im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Das Werk wurde 1851-1855 von der spanischen Real Academia de la Historia unter der Leitung von José Amador de los Ríos erstmals komplett editiert und veröffentlicht.

 

 

4. August 2009
Dr. Josef Bordat

 

 

Die Darstellung basiert auf den Artikeln des Autors im Biographisch-bibliographischen Kirchenlexikon („Cieza de León, Pedro“, Bd. XXIX, Sp. 291-292; „López de Gómara, Francisco, Bd. XXX, Sp. 914-915; „Oviedo y Valdés, Gonzalo Fernández de“, Bd. XXIX, Sp. 1028-1032).


Kommentare

Please login to post comments or replies.